
Absynth (zuletzt in der Version 5) ist eine Legende in der Welt der Software-Synthesizer. Er wurde ursprünglich von Brian Clevinger entwickelt und war über zwei Jahrzehnte lang das Flaggschiff von Native Instruments für cineastisches Sounddesign und komplexe, sich entwickelnde Texturen.
Obwohl er mittlerweile von Native Instruments offiziell „eingestellt“ wurde (er ist nicht mehr Teil von Komplete 14/15), bleibt er für viele Produzenten aufgrund seiner einzigartigen Architektur unersetzlich.
1. Das Klangkonzept: Halbtotaler Surrealismus
Absynth ist ein Semi-modularer Hybrid-Synthesizer. Er kombiniert verschiedene Syntheseformen in einer Weise, die organisch und gleichzeitig völlig fremdartig klingt.
- Synthese-Arten: Er beherrscht Subtraktive Synthese, FM, Wavetable, Sampling und Granular-Synthese.
- Vibe: Mystisch, tief, ätherisch und oft „unheimlich“. Er ist nicht das Instrument für einen schnellen Bass-Lauf, sondern für Sounds, die sich über Minuten hinweg verändern.
2. Die Alleinstellungsmerkmale
A. Die Envelopes (Hüllkurven)
Das Herz von Absynth ist sein Hüllkurven-System. Während normale Synths oft nur 4 Punkte haben (ADSR), bietet Absynth unbegrenzte Breakpoints.
- Du kannst Hüllkurven zeichnen, die minutenlang dauern, rhythmisch loopen oder sich wie kleine Sequenzer verhalten.
- Damit lassen sich Sounds erschaffen, die „atmen“ – sie fangen als sanftes Rauschen an, verwandeln sich in ein metallisches Klingeln und enden in einer tiefen Bass-Vibration.
B. Das 68-Tap-Cloud-Delay
Eines der berühmtesten Effekt-Module überhaupt. Es kann Klänge in hunderte kleine Echos zerlegen und diese im Stereofeld verteilen, was diesen typischen „Absynth-Raum“ erzeugt – eine Mischung aus Hall, Delay und Granular-Wolke.
C. Surround-Sound-Unterstützung
Absynth war einer der ersten Synthesizer, der nativ für Surround-Produktionen (z. B. 5.1) entwickelt wurde. Man kann Klänge buchstäblich im Raum um den Hörer herumwandern lassen.
3. Der „Mutator“
In späteren Versionen wurde der Mutator hinzugefügt – ein intelligentes System, mit dem man Sounds verändern kann, ohne die komplexe Architektur zu verstehen. Man gibt Begriffe wie „Dark“ oder „Metallic“ ein, und Absynth berechnet basierend auf der internen Logik neue Variationen des aktuellen Presets.
4. Einsatzbereiche
- Film- & Game-Scoring: Er ist der "Hollywood-Synthesizer". Unzählige Soundtracks für Sci-Fi und Horror nutzen Absynth für atmosphärische Drones.
- Ambient & Experimental: Für Musiker, die weite, fließende Landschaften kreieren wollen.
- Sounddesign: Ideal für das Erstellen von Texturen, die organisch wirken, aber technisch unmöglich sind (z.B. eine Geige, die langsam zu flüssigem Metall schmilzt).
Warum wurde er eingestellt?
Absynth galt als „Kopfgeburt“. Die Benutzeroberfläche war für moderne Verhältnisse recht kleinteilig und die Programmierung erforderte viel Einarbeitungszeit. Native Instruments hat sich entschieden, Ressourcen in modernere Engines wie Massive X und Kontakt zu stecken. Dennoch nutzen viele Profis ihn weiterhin auf älteren Systemen, da sein spezieller algorithmischer „Fingerabdruck“ durch kaum einen anderen Synth exakt reproduziert werden kann.
Firma: Native-Instruments

